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Berlin

 

Berlin
Ganz hastig und schnell:
Durchs Tor durch, den Kurfürstendamm hinauf und dann ab in den Prenzlauer Berg.
Oder im heißen Sommer mit dem Hunderter Bus quer durch die Stadt,
Wenn es zu warm ist um eine Cola zu trinken.
 
„Wenn nichts mehr geht, dann geht immer noch Berlin“, haben wir gesagt.
Und haben alles hingeschmissen, das Studium, die Eltern, und die Freunde in Westdeutschland.
Wir haben das Geld genommen, das man uns geschenkt hatte,
Den Daumen in den Wind oder mit der Mitfahrzentrale schlafend auf dem Rücksitz
- ich hatte keine Lust mich zu unterhalten -,
Bis wir auf der Avus eingeflogen sind und dem Messeturm entgegen.
Und endlich haben wir die Freiheit der Bäume von Werder gerochen,
Und sind mit der S-Bahn um die Wette, bis tief in die Stadt.
 
In Berlin ist alles doppelt,
Ost und West,
Oper und Schauspielhaus,
Kinos wie Pflastersteine auf der Straße.
Und Hundekacke, soweit das Auge reicht.
Die rheinische Ironie mussten wir begraben,
Beim Bäcker die Höflichkeit vergessen
Mitschnauzen um nicht auf die Schnauze zu fallen.
 
Nichts war wichtiger als wo man wohnte.
Die eigentliche Leistung war: Geschliffenes Parkett und Altbau,
An leisen Sommertagen versanken die Straßenzüge im Staub der dröhnenden Schleifmaschinen.
Mindestens musste es im Friedlheim, wenn möglich Prenzlauer Berg,
Bloß nicht Wedding, Treptow, oder Neukölln klappen.
Schnell freilich war das dann alles schon wieder anders
Und die Szene traf sich heute in den Kellern von Moabit
Und morgen in den Wäldern am Müggelsee.
Eine permanente Diffusion von Geld und Intellekt.
Ein Druckgefälle vom Herz zu den Kapillaren.
Im Mai dann Thromboemblien durch randalierende Hausbesetzer.
 
Berlin ist wie die endlose Fläche eines weiten Kreises:
Immer sind 5 Millionen Menschen um Dich herum
Und immer auch die ganze Welt.
Die große Kunst läuft anderswo,
Das große Geld sowieso,
Aber in Berlin dafür waren alle Künstler.
Berlin dafür war selber Kunst.
Und wenn beim Karneval die neue Liebste Dich fragte „was arbeitest Du?“
Dann war stolz die klare Antwort: „Ich? Ich lebe in Berlin.“
 
Arbeiten in Berlin hieß U-Bahn fahren.
Soviel konnte Nietzsche nicht geschrieben haben, wie es Schienen in Berlin gab.
Hier unter der Erde kannten sich alle,
Blickten sich ins Gesicht und lächelten sich zu:
„Du auch in Berlin? Glückwunsch!“
Und dann wieder hinter Zeitung oder Buch
Verschwunden war man im Tunnel und es war
- das Bild muss sein –
Tatsächlich wie eine Rückkehr in den Uterus.
 
Oh Küssen in Berlin!
Welche Wonne!
Weg vom Techtelmechtel auf der Pfaueninsel
Und hinauf auf den Fernsehturm.
Phallisches Zentrum von Berlin!
Eine Mutter willst Du uns sein,
mit Deinen menschenschluckenden U-Bahnen
Ich aber habe Dich erkannt Transvestit!
Das kann fürs Gedicht nur billig genug sein,
Dass wir Deinen Fernsehturm als Phallus lesen,
Um den tanzend nicht nur der Alexanderplatz,
Sondern all die Schwäbinnen und Schwaben, Fränkinnen und Franken,
In endlos ritualisierten Reihen
Orgastisch zu Dir hebend
Sich bewegen und beten,
Das dieser Akt der Verschmelzung
Von Turm und Tunnel
Aussichtscafé und U8-Station,
Einen Astraljüngling zeugen möge,
Der als Sinnbild der eigenen Unendlichkeit
In dieser tief-gedachten Stadt,
Über die Hinterhöfe und Kohlenkeller hinaus
Und Hinauf steigen wird,
Bis er im Kino uns wiederbegegnet
Und wir alle gemeinsam in Geist aufgegangen
Schreien,
Dass wir Schelling und Kubrick sind,
Lars von Trier und Kunst,
Absolute Einheit – Wiedervereinigung,
eben Berlin.
 
Eines Nachts dann aber hat es in Berlin gebrannt.
Mein Haus war auch davon betroffen.
Wir torkelten aus dem Übereck hinaus und guckten hoch in die Flammen, die weit gen Himmel schlugen.
Ich aber sah meine Bücher
- Berlin, Du Stadt gebaut aus Büchern! –
Wie sie einsam stoben und vor Wut brannten,  
Kämpfend noch und dann doch leise zerfallend.
 
Durch die Asche am folgenden Tag wankte ich traurig.
Und nicht die Rykestrasse,
nicht Kreuzberg,
noch der Volksparksbrunnen,
noch der Bücherflohmarkt am Bodemuseum
konnten mich mehr erheitern.
Nach 7 Jahren schließlich verließ ich Berlin.
 
Ich wuchs andernorts auf,
fand Frau und Kind und Beruf
- züchte heute Pferde -
Von Berlin aber blieb mir nur ein hundbekackter Pflasterstein
Und ein Kuß auf einem Anlegesteg im Hafen von Hamburg,
aber der gehört nur zweitrangig nach Berlin.
 
Manchmal denke ich „ich hab noch einen Koffer in Berlin.“
Und da liegen Sie dann alle wohlaufgehoben drin: Jens, Ella, Isabella, Christian, Steff, Matthias, Verena, Wiltrud, Gisli, Michael, Maria, das Ju-Tai-Jutsu und der Fernsehturm. All die verloren geglaubten Habseligkeiten.
Dann aber wache ich auf und bin froh, dass alles vorbei ist
Ich bin weit, weit weg, in Sicherheit vor Berlin.
 
Aber pass auf, Du, Berlin!
Ick bin noch nicht fertig mit Dir!
Ich lauere dir noch mal auf!
Denn ich weiß:
Wenn irgendwann einmal nichts mehr geht,
Wenn Dunkelheit die Welt neoliberalistisch umfängt,
Dann ist da immer noch Licht,
Dann gehst immer noch Du,
Strahlend und aufgeklärt, gleichberechtigt und vegetarisch,
Und dann bin immer noch auch ich
Kunst und Künstler und ewiges Buch
In dem geschrieben steht,
Das alles nichts ist
Wenn Du nicht mehr bist,
Und dass Du das A und das O
Bist und sollst sein
Das ewige -
Oh Du reines! -
Unbefleckte
Phallisch-mutternde
Berlin.