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Buddhas letzte Weisheit

Buddhas letzte Weisheit
 
 
An dem Tag, da Buddha erleuchtet wurde, überwand er sein Ich und siegte über die Angst: Nicht der Verlust des eigenen Selbst, schwere Krankheit oder Tod, noch der Verlust von irgendetwas Irdischem konnten ihn nunmehr ängstigen. Er blickte in den Spiegel und ging in die Welt mit dem großen freien Lächeln des Seligen.
Viele Jahre lebte er noch in der Gewissheit erleuchtet zu sein, zog über die Lande und lehrte jenen die Ohren hatten zu hören den Weg des Mönchstums, der Meditation und der Erleuchtung.
 Eines Tages aber trat Buddha auf seinem Weg aus dem Wald heraus und auf eine Lichtung, auf der eine altee Frau vor einem großen Torbogen auf einem Stein saß und in sich zusammengekauert jämmerlich vor sich hin weinte.
 „Warum aber weinst Du?“, sprach Buddha die alte Frau an.
 „Nun, es geht meinem Ende zu und ich bin an diesen Platz gekommen um zu sterben“, sagte die alte Frau. „Und jetzt habe ich tiefe Angst: Ich habe alles verloren im Leben, das mir wichtig war. Ich hatte Mann, Kinder und Reichtum. Ich liebte mich selbst, wie keinen anderen Menschen und schöpfte aus dieser Liebe eine tiefe Liebe für die mir Anvertrauten und für viele schöne Dinge des Lebens, die ich begehrlich um mich sammelte. Dabei blieb ich aber immer demütig, zu groß war meine Gewissheit, dass dies alles nur Geschenke waren und die Menschen und Dinge, die ich liebte, die äußeren Bilder meiner tiefen Eigenliebe. Ich dankte den Göttern an jedem Tag, dass ich mich und das mir wertvoll gewordene noch besaß und schlief jede Nacht mit der Angst ein, die Meinen und meinen Besitz zu verlieren. Das Leben nahm mir nach und nach alles was ich mit der Zeit gewonnen hatte: Freunde starben, mein Mann starb, meine Kinder verließen das Haus und zu guter Letzt wurde ich alt und unbrauchbar. Ich zog mich zurück und lebte einsam, völlig zurückgeworfen auf mich selbst. Und dennoch war ich glücklich, denn immer noch hatte ich mich und die reiche Welt meiner Erinnerungen, meiner Wünsche und meiner Hoffnungen.“
 Die alte Frau blickte hoch zu dem Tor und blinzelte in die tiefrote Abendsonne, die eben über dem Torbogen stand.  „Nun also sitze ich hier am Torweg zum Jenseits und betrachte mein Leben und es überkommt mich, der ich nun sterben muss, die größte Angst, die ich je hatte, denn ich kann nicht von mir lassen und will nicht jenen Schritt durch das Tor in das Nichts und die Ungewissheit tun.“
 Plötzlich wandte sie den Kopf um und sah Buddha scharf und tief an. „Du aber siehst glücklich aus – gib mir etwas ab von Deinem Glück, das ich mich nicht mehr ängstige. Nimm diesen Krug sauren Wassers von mir.“
 Buddha aber sprach: “Warum bist Du nicht Buddhist geworden? – Seh, ich bin ohne Angst und Lehre jene, die Ohren haben zu hören den Weg der Meditation und der Erleuchtung.“
 Die alte Frau dachte lange nach, bevor sie antwortete. Dann aber sagte sie: „Ich habe oft an Dich gedacht, Buddha, und an Deine Lehren. Aber ich mied Dich, wo ich Dich traf, denn Du kannst mir nichts geben. Lass mich mein Wasser Angst trinken und geh jetzt lieber von mir, bevor ich Dir etwas nehme.“
 Buddha verlies die Frau und zog wieder in die Wälder. Lange wanderte er still vor sich hin und dachte über die alte Frau und ihre Worte nach.  So aber begann er zu zweifeln.
 Und als er zu den Seinen zurückgekehrt war, tat er den Mund auf und sprach: „Hier aber ist meine letzte Weisheit. Ich bin nicht erleuchtet. Der Mut den ich fand, als ich in die Wälder zog und die Angst überwand, ist ungleich dem Mut dieser alten jammernden Frau, die die Angst vor dem Tod hätte überwinden können – sie aber entschied sich für ein Leben in Angst. Sie trägt ihre Angst mutig bis zuletzt und stirbt weinend und zitternd und zahlt so den gerechten Preis für ihr erfülltes Leben.“
Die ihn aber kannten, blickten Buddha verwirrt an. Und weil sie ohne Besitz und ohne Angst waren, schrieben sie diese seine Worte nicht auf sondern schwiegen.