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Ein Versehen

Ein Versehen

Auf der Baustelle hinter meinem Fenster wurde heute ein Mann angeschrien. Er hatte eine Art Steiger mit Hydrauliklenkung ausjustieren wollen und war dabei über eine Stahlblechplatte, die am Boden lag gefahren, die wohl einigen Wert für das Kraftwerk hatte, das derzeit hinter meinem Büro entsteht und das noch weiter mit Stahlblechplatten ausgekleidet werden sollte.

Die groben Worte des Vorarbeiters oder Architekten oder Inhabers der Baufirma habe ich verdrängt. In der Angst, die nach dem Schrei entstand, reagierte der Bauarbeiter nun wieder falsch und fuhr erneut über die wertvolle Stahlblechplatte, so dass er ebenso erneut angeschrien wurde. Als er sein Gefährt endlich herumrangiert hatte, sah ich wie er nervös die Finger seiner linken Hand gegeneinander rieb. Ansonsten stand er beschämt und als hätte er sich in die Hosen gemacht.

Ich aber drehte mich zurück zum Computer in meinem warmen Zimmer und entfloh dieser absurden Welt, in der ein solch lapidares Ereignis zu einem Schrei führt, der den Beschrieenen zurückwirft auf seine Herkunft in einem ebenfalls schreiendem – vielleicht schlagendem - Elternhaus, in dem ständig alles falsch ist und selbst die kleinsten Fehltritt-Ereignisse nicht Lappalien sondern Weltuntergänge sind, in dem ich das, was ich gesehen hatte aufschrieb.

Dabei stellte ich mir vor, wie in einer Phalanx einige Krieger ein Schild hielten und andere einen Speer. Und wie jetzt jeder seiner Aufgabe folgenden in die Schlacht zog: Der Schildträger um den Speerwerfer zu schützen und der Speerwerfer um den Krieg zu gewinnen. Wenn jetzt einer von beiden – aus Versehen – einen Fehler beging – vielleicht war er müde, abgelenkt, vielleicht aber auch verkrampfte er aus Angst vor der Schlacht und war nicht mehr fähig sich frei und geschickt zu bewegen – und damit nicht nur den Tod des anderen, sondern ggf. auch – weil dies nun mal in einem strategisch wesentlichen Moment geschah – den Verlust der Schlacht, ja des Krieges bewirkte, war es da nicht nötig, dass man Menschen mit solcher Verantwortung tüchtig in ihrer Ausbildung anschrie?

Vielleicht hatte jener Vorarbeiter oder Architekt oder Inhaber der Baufirma noch nicht gehört, dass der Krieg vorbei  war. Vielleicht noch nicht wahrgenommen, das es die Angst vor seinem Schreien war, die den Fahrer des Steigers erneut über die Platte fahren ließ - bzw. das Bild des schlagenden Vaters, dass dem Fahrer jetzt als er angeschrien wurde spontan zur Erinnerung kam - und vielleicht war er mit bestem Wissen und Gewissen ebenso erzogen und zum Vorgesetzen geworden und gab jetzt einfach weiter, was sein Volk Jahrtausende lang Kriege hatte gewinnen lassen.

Irgendwann hörte ich eine Sirene, die Schicht war vorbei. Ich wachte auf vor meinem Computer, aus meinen Gedanken errettet und schlief erneut in Arbeit ein.

Was für eine Welt, so dachte ich, kurz bevor die Arbeit mir das Bewusstsein nahm, in der ein kleines Versehen über Leben und Tod entscheidet. Man würde mich gehörig anbrüllen müssen, wollte man mich wieder wecken.