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Haltungsprobleme

Haltungsprobleme – unbewusstes Verhalten und muskuläre Dysbalancen
 
 
Unser Verhalten ist (mit) schuld
Wie wäre es, wenn Ihre chronischen Schmerzen nicht durch einen Unfall oder eine genetische Vorbelastung oder altersbedingten Verschleiß ausgelöst wären, sondern durch Ihr persönliches Verhalten? Das wäre nicht so schön, denn Sie fühlten sich in einem gewissen Sinne schuldig an Ihren Schmerzen? Ich denke, dass viele von Ihnen um dieses „Schuldgefühl“ zu vermeiden sich gerne sagen, dass Ihre Schmerzen einen solchen äußerlichen Auslöser haben. Und das mag richtig sein, aber was hilft es Ihnen? Wenn Sie glauben, dass Ihre Schmerzen genetisch bedingt sind, quasi in der Familie liegen, was können Sie dann gegen diese Schmerzen tun? Nichts. Wenn Sie Ihrem Arzt glauben, dass Ihre Schmerzen auf altersbedingtem Verschleiß beruhen und Sie einfach diese Aussage akzeptieren, was können Sie dann gegen Ihre Schmerzen tun? Nichts. Noch älter werden und noch mehr Schmerzen haben.
Jede Sicht von Bewegungsschmerzen, die nicht auch von Ihrem Verhalten ausgeht ist fatalistisch, lässt Ihnen keine Alternative. Also: Akzeptieren Sie lieber Ihre „Schuld“ und lassen Sie den Gedanken zu, dass es die Dinge sind, die Sie seit Jahrzehnten machen – ihre tagtäglichen Handlungen -, die Ihren Schmerz, wo sie ihn nicht erzeugt haben – wie z.B. bei einem Unfall-, zumindest aufrechterhalten. Wenn das aber so ist, dann haben Sie die Wahlmöglichkeit: Weiter zu machen wie bisher oder Ihr Leben dahingehend zu verändern, dass die Schmerzen soweit wie möglich aufhören. Wenn Sie Ihre Schmerzen so betrachten, dann beginnen Sie ein Stück weit zu Ihnen zu sprechen. Dann werden Sie gleichsam zu einer Nachricht Ihres Körpers, der Ihnen sagen will: „Verändere Dein Verhalten - verändere Dein Leben.“
Natürlich ist das leichter gesagt als getan, denn in den meisten Fällen handelt es sich um unfreiwilliges Verhalten, insofern uns überhaupt nicht bewusst ist, WIE wir uns körperlich verhalten.
 
Lücken unserer Bewusstheit
Moshé Feldenkrais, der Begründer der nach ihm benannten Methode hat deshalb den Begriff Bewusstheit den Bemühungen seiner Methode um ein positives körperliches Verhalten zugrunde gelegt. Seine Arbeit, die wir an verschiedenen Stellen dieses Textes anzapfen werden, beruht auf der Vervollständigung unseres Selbstbildes, das gemeinhin sehr verkümmert ist. Bewusst sind uns mithin allgemein vor allem jene körperlichen Funktionen, die wir mit sozial relevanten oder existentiellen Assoziationen belegen, d.h., die sich auf das Zusammenleben der menschlichen Gruppe beziehen oder unserem prinzipiellen Trieb zu Überleben eine herausgehobene Stellung haben. Dazu gehören die Funktionen der Nahrungsaufnahme und des Sprechens - der Mund -, die Sehfunktion - das Auge -, z.T. die Hörfunktion - die Ohren -, die Funktionen der Verdauung - der Anus -, die Funktionen der Sexualität – Penis, Vagina, Mund etc. – und die Funktionen der nach außen gerichteten Bewegungen – die Extremitäten. In einem gewissen Sinn ließe sich sagen, dass all diese Funktionen zu den Funktionen eines Austausches zwischen Subjekt und Außenwelt gehören oder zumindest deutlichen Anteil an diesem Austausch haben. Weniger bewusst sind uns körperliche Funktionen, die mehr im Hintergrund dieser nach außen gerichteten, exzentrischen Körperfunktionen arbeiten. Dazu gehören z.B. die Tätigkeiten von Magen und Darm, oder die Haut, bezogen auf unsere Bewegungen z.B. die Bewegung des Rumpfes, der Bauchmuskulatur oder des Beckens. Ob diese zweite Gruppe von Funktionen in der Entwicklungsgeschichte des Menschen sich zuerst entwickelt hat und die erste, „sozial-existentielle“ Funktionsgruppe erst später hinzugekommen ist, möchte ich hier nicht diskutieren. Es reicht, wenn wir uns vor Augen halten, dass sich die Entwicklung beim Säugling so vollzieht, dass tatsächlich diese zweite Gruppe zumindest dem sozialen Teil der ersten Funktionsgruppe in der Säuglingsentwicklung zeitlich vorausgeht: zunächst lernt der Säugling seinen Rumpf und sein Becken bewegen, erst dann gewinnt er nach und nach die Herrschaft über die Extremitäten. Anders sieht es gewiss mit dem existentiellen Teil der Funktionsgruppe aus. So hat z.B. der Mund als Hauptkanal der Nahrungsaufnahme von Anfang an eine übergeordnete Bedeutung für den Menschen.
Worauf wir hier aber hinaus wollen, ist, dass Selbstbild fokussierte und unscharfe Stellen hat und sogar einige blinde Punkte. Wer von Ihnen wüsste z.B. wo sein/ihr Hüftbeugemuskel entspringt und wie man diesen Muskel einzeln kontrahiert und auch wieder entspannt? Wer von Ihnen kennt die Beschaffenheit seines/ihres Beckens und könnte sagen, wie das Becken zurzeit, da Sie irgendwo sitzen (oder stehen) und diesen Text lesen gekippt ist? Wer von Ihnen hätte ein Gespür für die Länge der linken im Unterschied zur rechten Rumpfflanke und würde merken, ob er/die ggf. eine Seite des Beckens mehr anhebt als die andere? Wer von Ihnen weiß, wie genau er den Kopf bewegt, wenn er/sie ihn dreht, wo diese Bewegung startet und welche Muskeln beteiligt sind? Wer von Ihnen weiß, welche Muskeln er/sie an dieser Bewegung beteiligt deren Beteiligung eigentlich völlig überflüssig ist?
Haben Sie schon einmal von der Chaostheorie, einer Theorie für komplexe Systeme gehört? Kleine Veränderungen in den Ausgangsbedingungen eines Systems erzeugen große Veränderungen im gegenwärtigen Systemzustand, so heißt es dort. Glauben Sie, dass der menschliche Körper ein solches komplexes System ist, und dass Ihre Unfähigkeit die gerade gestellten Fragen zu beantworten immense Auswirkungen auf Ihren persönlichen derzeitigen Systemzustand haben kann?
Sie sehen, wenn Sie Ihre Schmerzen erfolgreich behandeln wollen bleibt es Ihnen nicht erspart: sie müssen lernen wahrzunehmen und zu wissen, WIE Sie sind. Bewusstheit ist die Basis aller nachhaltigen Körpertherapie.
Dabei haben Sie Glück, denn die meisten von Ihnen haben als Säugling ungestört gelernt sich effizient gegen die Schwerkraft zu bewegen. Ihr Muskelsystem hat sich nach und nach so entwickelt, dass es Ihnen ermöglichte die verschiedenen Stufen zum aufrechten Gang völlig mühelos zu meistern: Zunächst lernten Sie den Kopf drehen, sodann sich auf den Bauch zu rollen und mit den Armen abzustützen, bevor sie begannen sich durch eine weitere Drehung Hinzusetzen oder aus dem Robben durch das Hochdrücken auf alle Viere das Krabbeln zu entwickeln. Irgendwann zogen Sie sich am Tisch hoch und schließlich standen Sie zum ersten Mal frei auf zwei Beinen. Sie hangelten sich an Tischen und Stühlen entlang, bis es Ihnen gelang frei im Raum zu gehen und letztendlich zu laufen. Ein Wunder war vollbracht. Aus einem Zellklumpen im Mutterleib war ein Mensch geworden, der aufrecht gegen die Schwerkraft, von der Erde getragen durch den Raum ging.
Wenn Sie heute die Gelegenheit haben ein einjähriges Kind, das gerade Laufen gelernt hat zu beobachten, dann werden Sie mir zustimmen, dass in dessen Bewegungen und Haltungen kein Platz für muskuläre Verspannungen ist. Der Körper des Kleinkindes ist völlig ausbalanciert. Es hält diese Balance mit einem Minimum von Kraft aufrecht. Schmerz kennt dieses Kind nur, wenn es hinfällt und sich weh tut.
 
Entstehen der muskulären Dysbalance – Beispiel Sitzen
Wenn dieser ausbalancierte Zustand aber ein schmerzfreier Zustand ist, so muss Ihr aktueller Zustand chronischen Schmerzes mit Dysbalancen zu tun haben. Aus irgendeinem Grund sind die vom Grundgleichgewicht des Kleinkindes abgewichen und haben ein Ungleichgewicht etabliert. Dieses Ungleichgewicht aber manifestiert sich in vielfältigen Muskelverspannungen. Wie in einer Kettenreaktion hat Ihr Körper versucht Ihr Abweichen vom Grundgleichgewicht zu kompensieren. Muskeln, die bisher effizient gearbeitet haben, wurden durch diesen Kompensationsmechanismus überanstrengt und verspannten. Ihre Schmerzen sind die Folge dieser Kompensation.
Ich will das an einem Beispiel klarmachen: Wir alle Sitzen mehr oder minder den ganzen Tag. Wir machen das bereits, seit dem wir Kleinkinder sind. Allerspätestens im Kindergarten haben wir damit angefangen, meist aber bereits als gerade einmal zweijährige Kinder auf dem Sofa zu Hause. Was aber passiert bei der Art zu sitzen, die in den westlichen Kulturen am weitesten verbreitet ist? Wir lassen uns nach hinten in die Lehne des Stuhls oder die Polster des Sofas sacken. Das Becken kippt ab, die Wirbelsäule krümmt sich, die Brust fällt nach vorne in Richtung Schoß. Eigentlich können wir so gar nicht sitzen. Unser Kopf müsste nach vorne fallen, so dass wir mit dem Kinn auf die Brust sackten und auf unseren Bauch guckten. Da wir aber durch die Evolution darauf programmiert sind handlungs- und d.h. auch fluchtbereit zu sein, halten wir die Augen gemein weiterhin in Horizontlinie. Um das zu tun, müssen wir den Kopf gegen die Schwerkraft anheben. Nun balanciert er aber in dieser Position nicht frei auf der Wirbelsäule, sondern er ist nach vorne gefallen, bzw. droht nach vorne zu fallen. Dementsprechend müssen wir zusätzliche Kraft in den hinteren Nackenmuskeln aufwenden, um den Kopf zu heben. Gleichzeitig sind unsere Halsmuskeln in dieser Position verkürzt. Wenn wir immer wieder und über Jahre so sitzen, verkürzen sie immer mehr und sorgen dafür, dass unser Kopf auch im freien Stand nach vorne gezogen bleibt. Das gleiche gilt für unsere Brustmuskeln, die in dieser Art zu Sitzen ebenfalls verkürzen und beständig unsere Schultern nach vorne ziehen. Im Stehen haben wir dann entweder eingefallene Schultern oder wir müssen zusätzliche Kraft im oberen Rücken aufwenden um die Schultern nach hinten zu ziehen und auf diese Weise – quasi künstlich – die Brust zu weiten. Noch schlimmer ist die Auswirkung dieses Sitzens auf den unteren Rücken. Die Hüftbeugemuskulatur verkümmert einerseits in Ihrer Länge, da auch Sie durch die zusammengesackte Position dauerhaft verkürzt gehalten wird. Zum anderen trainieren wir sie aber beständig in diesem verkürzten Zustand, in dem wir uns über die Hüftbeuger aus dem Sessel hochziehen, bzw., beim Fallen in den Sessel diesen Fall mit der Hüftbeugemuskultaur abbremsen. Was aber ist die Folge einer verkürzten und in dieser Kürzung übertrainierten Hüftbeugemuskulatur? Sie sorgt im Stand dafür, dass unsere untere Wirbelsäule und unser Becken nach vorne gezogen werden. Wollen wir einigermaßen gerade stehen bleiben haben wir nur eine Chance: Wir müssen mit den Rückenstreckern in der Lende mit Kraft gegen diesen Zug nach vorne arbeiten. Wir bilden dabei durch die folgende Verspannung der unteren Rückenmuskulatur mehr und mehr ein Hohlkreuz. Letztendlich bedeutet also diese in sich Zusammengefallene Haltung bei Sitzen, dass wir unsere Körpervorderseite mehr und mehr verkürzen und diese Verkürzung durch übertriebene Aktivierung/Anspannung der Muskeln der Körperrückseite im Stand kompensieren müssen. Die Folge: Auf Dauer für diese Überspannung der Körperrückseite zu Schmerzen im unteren Rücken und im Schulter-Nackenbereich.
Wenn man sich die fatalen Auswirkungen des Sitzens klar macht, wundert man sich, dass es nicht viel mehr Menschen gibt, die vor Schmerzen in den Muskeln schreien. Ebenso ist man erstaunt, wie es uns Menschen gelingt, mit Hohlkreuz und Rundrücken überhaupt einigermaßen stehen zu bleiben und nicht vor Überlastung einfach umzufallen. Genauso würde man erwarten, dass Eltern ihre Kleinkinder ausdrücklich davor warnten sich beim Sitzen nach hinten fallen zu lassen, bzw. dass Kindergärten und Schulen Trainingsprogramme für natürliches Sitzen anböten. Aber nichts von alledem geschieht. Da das Sitzen die Basishaltung für das Lesen und Schreiben, sowie die Arbeit am Computer ist und es außerdem, hat man sich einmal so richtig im Sessel vor dem Fernseher eingerichtet, so wahnsinnig bequem ist, akzeptiert die gesamte Gesellschaft stillschweigend die Krankheit Sitzen und zahlt lieber ihr Geld an chronisch Kranke, die ca. ab dem 30igsten Lebensjahr die Folgen dieses fatalen Selbstgebrauches kennen lernen.
Wir hatten zu Beginn dieses Kapitels von Ihrem Verhalten gesprochen, dass – wenn auch oft unbewusst – für Ihre Schmerzen zumindest mit verantwortlich ist. Nun ist Sitzen nicht das einzige Verhalten, das zu muskulären Dysbalancen und damit zu Schmerzen führt. Aber falsches Sitzen, bei dem wir nach hinten sacken, ist eine ganz fundamentale kulturelle Vehaltensunart, die wir, wollen wir wieder schmerzfrei sein, soweit wie möglich ablegen müssen. Leider hat die muskuläre Fehlsteuerung, die aus jahrelangem Sitzen resultiert so weitreichende Folgen, dass es nicht mehr reicht, einfach nur aufzustehen und nicht zu sitzen. Wir müssen unser ganzes System neu- bzw. wiederprogrammieren. Doch dazu später mehr.