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Muskuläre Dysbalance

Muskuläre Dysbalance / Muskuläres Ungleichgewicht I: Dehnen und Kräftigen von Angonisten und Antagonisten
 
Das Problem der schmerzhaften Muskelverspannungen wird in der Medizin als myofasziales Schmerzsyndrom basierend auf einer muskulären Dysbalance verstanden. Wir wollen uns die Überlegungen zur muskulären Dysbalance im Folgenden etwas näher anschauen, da sie den wesentlichen Ansatzpunkt für den hier vorgeschlagenen Trainingsplan einer Selbstbehandlung bietet.
 
Gemeinhin bekannt ist, dass sich Muskeln in Bezug auf ihre Tätigkeit als Agonisten und Antagonisten, oder zu Deutsch Spieler und Gegenspieler auffassen lassen. Diese Sichtweise entspricht einem dichotomischen Weltbild, wie es prägend für abendländisches Denken ist: Alles was ist lässt sich durch Gegensatzpaare verstehen – Geist/Körper, Sinne/Vernunft, Schwarz/Weiss, 0/1, links/rechts etc.
Wer sich hingegen Moshe Feldenkrais’ Ideen zu Bewusstheit und Bewegung ansieht, wird merken, dass dort implizit kein dichotomisches Verständnis von Muskulatur zu Grunde liegt. Feldenkrais will unseren Blickwinkel nicht nur auf Spieler und Gegenspieler der Muskulatur lenken, sondern uns darauf aufmerksam machen, dass bei nahezu jeder Bewegung verschiedenste Muskeln im gesamten Körper beteiligt sind. Probieren sie das einmal aus: Legen sie sich auf den Rücken und schliessen sie die Augen. Stellen sie nun die Beine auf, indem sie die Knie anwinkeln, aber die Fusssohlen auf den Boden ruhen lassen. Auf diese Art senkt sich ihre Lendenwirbelsäule und ihr Becken wir leicht herausgeschoben. Ein eventuelles Hohlkreuz verschwindet im Ansatz. Achten sie darauf, dass ihr ganzer Rücken den Boden berührt. Nun drehen sie langsam den Kopf von rechts nach links. Konzentrieren sie sich darauf, wo im Körper sie diese Bewegung überall spüren können. Sie werden merken, dass sich das Drehen des Kopfes leicht im Becken, den Knien und sogar ihren Füßen nachvollziehen lässt. Überall in ihrem Körper sind Muskeln an dieser Bewegung beteiligt.
 
Die muskuläre Dysbalance, die Muskelverspannungen erzeugt und aufrechterhält und deren Behebung damit der Schlüssel zur Therapie von Rückenschmerzen ist, wird oft im Sinne der oben skizzierten abendländischen Dichotomie als Ungleichgewicht zwischen den beiden Polen ‚spielender Muskel’ und ‚gegenspielender Muskel’ verstanden. Auf der Basis dieses Verständnisses erhalten wir einen ersten, leicht nachzuvollziehenden Ansatzpunkt für die Behandlung, auf dem der Übungsplan mit aufbauen muss. Machen wir uns noch einmal den Zusammenhang von Spieler und Gegenspieler klar: Wenn bei einer Bewegung – nehmen wir an, sie beugen den Rumpf vor – der die Bewegung verursachende Muskel (Spieler/Agonist) kontrahiert, muss sich gleichzeitig sein gegenspielender Muskel (Antagonist) strecken.  Normalerweise ist diese gemeinsame Bewegung von Agonist und Antagonist balanciert: Im Sinne von Kraft = Gegenkraft bedeutet das, dass sich der Antagonist in dem Masse streckt, in dem sich der Agonist verkürzt. Beide Muskeln müssen entsprechend des Gleichgewichts ihrer Spannung also auch gleich „stark“, bzw. kräftig sein.
Fortgesetzte Fehlhaltungen bringen dieses Gleichgewicht leicht durcheinander. So werden bei ständigem Sitzen mit Oberkörperrückneigung (d.i. die typische Arbeitspostion der meisten Menschen, bzw. die Position in der Couch vorm Fernseher) z.B. die Agonisten der tieferen Bauchmuskulatur unterfordert (d.h. sie werden nicht angespannt), wohingegen die Rückenstrecker konstant arbeiten, d.h. gespannt sind. Die dauerhafte Nicht-Nutzung der Bauchmuskulatur führt aber zu einer fortschreitenden Schwächung der tiefen Bauchmuskeln, sowie einer Überspannung des Psoas-Muskels (er verläuft zwischen unterer Wirbelsäule und Oberschenken über die Leiste hinweg). Die Folge ist die übermäßige Verspannung der Rückenstrecker, die im unbelasteten Zustand (z.B. im Stand) nun ihrerseits weiterhin angespannt bleiben und damit verkürzt sind (Folge: Hohlkreuzbildung).
Allgemein wird zur Behebung dieser muskulären Dysbalance – und so werden viele Physiotherapien heute aufgebaut –  nun die „De-Tonisierung“ ( = Entspannung) der Rückenstrecker und des Psoas-muskels, sowie die Kräftigung der tiefen Bauchmuskulatur angestrebt.
 
Das scheint logisch, aber es gibt einige Bedenken, die ich in diesem Zusammenhang äußern will:

a) Oft wird früh mit Krafttraining begonnen: Bevor die Muskelverspannungen (z.B. in der Lendenmuskulatur) wirklich gelöst sind, wird bereits die Muskelkräftigung eingeleitet (z.B. Bauchmuskeltraining), was, die noch verspannte Muskulatur weiter in ihrem übermäßigen Spannungszustand erhält.

b)     Das "sportliche" Dehnen bestimmter Gewebestrukturen ist bei starken Muskelverspannungen ebenfalls eher kontraproduktiv. Letztlich reagiert ein verspannten Muskel auf den Versuch, ihn mit Kraft quasi "auseinander zu ziehen", eher mit Gegenkraft, d.h. er verspannt sich noch mehr.

c) Das geziehlte Kräftigen der Bauchmuskulatur sehe ich heute kritischer denn je: 1. gelingt es den wenigsten Menschen ihre Rückenmuskulatur bei den Bauchmuskelübungen nicht arbeiten zu lassen und d.h., wie oben gesagt, dass Sie bereits verspannte Muskulatur weiter verspannen. 2. Tranieren Sie mit den meisten Bauchmuskelübungen nicht nur die tiefe Bauchmuskulatur, sodern den gesamten geraden Bauchmuskel, der bis zur Brust reicht und dessen Verspannung ein wesentlicher Faktor bei Haltungsfehlern im Oberkörperbereich (Buckel, eingefallene Schulter etc.) ist.