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Ursachen

„Die Hölle, das sind die Anderen“ - Ursachen von Haltungsproblemen
 
Wie gerade am Beispiel des Sitzens gesehen, haben Haltungsprobleme z.T. kulturelle Ursachen. Dass wir uns in den Fernsehsessel nach hinten fallen lassen und nicht in der Hocke im Wohnzimmer sitzen – so unterhält man sich noch heute vielerorts in Indien – oder mit gespreizten Beinen auf dem Boden – das ist z.B. in Afrika eine sehr typische Arbeitshaltung – ist kulturell bedingt. Von klein auf lernen wir, dass in einen Stuhl zu sinken die Art und Weise ist, wie man/frau in der westlichen Welt zu sitzen hat. Soweit zumindest der kulturelle Subtext, d.h. das was uns als Kinder Vater, Mutter, Lehrer und andere Erwachsene tagtäglich gezeigt haben. Gesagt bekamen wir natürlich „Setzt Dich gerade hin!“, „Zieh den Bauch rein und strecke die Brust raus beim Stehen!“, „Nimm den Kopf hoch“, „Sitze aufrecht!“ und vor allem „Höre auf zu zappeln!“. Diese Anweisungen führten dazu, dass wir sehr früh begannen unsere kulturell antrainierte ungesunde Sitz- oder Stehhaltung mit Muskelkraft selbst zu korrigieren. Wir lernten auf diese Weise, dass unser körperliches Dasein etwas mit Haltung zu tun hat und diese Haltung über Anstrengung erreicht werden muss. Das Wort Haltung hat dabei einen enormen semantischen Spielraum: „Nimm Haltung an“; Da hast Du Haltung bewiesen“; „Sie hat Ihre Haltung nicht verloren“. In dem Wort mischen sich offensichtlich körperliche Aspekte mit Aspekten aus dem Reich unserer Selbstbeschreibung als intelligente Personen. So nutzen wir denn auch bestimmte körperliche „Haltungen“ quasi als Vehikel einer Grundkommunikation nach außen: Vom Militär wissen wir, dass man den Kopf nach oben reißen und sich ins Hohlkreuz stellen muss um Aktivität zu signalisieren, bzw. um anzuzeigen, dass man etwas zu sagen hat, autorisiert ist, den Anderen Befehle zu geben. So fand ich nicht unlängst bei einer Versammlung der Manager eines amerikanischen Großkonzerns ein Bild von ca. 100 männlichen Personen und einigen Frauen, die durchweg mit eher breiten Beinen im Hohlkreuz standen. All diese Personen sagten sich gegenseitig über Ihre Körperhaltung „Wir sind Führungskräfte“. Umgekehrt erinnere ich mich an Einzelgespräche mit Mitarbeitern von mir, bei denen diese oft mit hängenden Schultern, den Kopf zum Boden geneigt in mein Büro kamen. „Ich bin unsicher, wenn ich zu Dir komme, denn Du bist mein Chef“ sollte diese Pose sagen.
Eine Haltung zu haben ist fundamental in einer Gesellschaft. Denn die Gesellschaft bestimmt den Wert des Einzelnen anhand seines Beitrags für die Gesellschaft. Etwas leisten zu können ist fundamental. Und wenn ich nicht selbst etwas leisten kann, so muss ich anzeigen, dass ich gewillt bin, denen, die leisten können, zu folgen. Hohlkreuz – aktivisches Muster – und gebückte Haltung – passivisches Muster – ergänzen sich in diesem Sinne. Sie sind Zeichen in der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Es gibt noch mehr solche Zeichen. Ihnen allen gemein ist, dass sie existieren, weil das Subjekt genötigt ist, bzw. sich genötigt fühlt, auf seine Außenwelt zu reagieren. Das ist das Ergebnis einer mehr oder minder autoritären Erziehung: Mein Vater wollte, dass seine Söhne springen, wenn er das von ihnen fordert. Wir mussten uns Befehlsbereit halten. Wo wir das nicht taten, wurden wir angeschrien oder auch geschlagen. Andere Eltern strafen Ihre Kinder mit Enttäuschung, wenn diese sich nicht dem Willen der Eltern fügen, ihnen z.B. den Zugriff auf ihr Privatleben verwehren. Viele von uns haben Aufträge des Gehorsams von unseren Eltern erhalten, die uns auf den Gehorsam gegenüber der Gesellschaft - der Schule, dem Arbeitgeber – konditionierten. Diese Aufträge sind ein wesentlicher Motor unseres Handelns: Weil ich früh dem Realitätsprinzip in Form meines Vaters begegnet bin, bin ich kein Schauspieler geworden, sondern habe nach dem Studium unmittelbar einen „ordentlichen“ Beruf in der Wirtschaft ergriffen. Und meine Frau hat ihren Geburtsort nicht verlassen, sondern ist nahe den Eltern geblieben. Sie hat nie wirklich ein Studentenleben geführt und wurde schließlich nicht Journalistin, wie sie sich das erträumt hatte, sondern ging in die Wirtschaft. Ein paar Jahre später lernten wir uns kennen und verliebten uns. Zufall?
Es ist nicht der Sinn dieses Kapitels den Eltern die Schuld zu geben. Sie tun, was sie tun können. Sie folgen dabei aber selbst den geheimen Aufträgen ihrer eigenen Eltern. Ich tätigte diesen Ausflug, weil ich eines sagen will: Diese Formen der verstärkten gesellschaftlichen Konditionierung sind ein Druck, der sich auf den Körper der konditionierten Person auswirken MUSS. Erinnern Sie sich, was wir zu Anfang dieses Theorieteils sagten: Geometrisch betrachtet, müssen wir eine völlige Balance zwischen unserem Körper und der Erde unterstellen. Diese Balance geht nur dann verloren, wenn Kraft auf uns in einer Richtung einwirkt, die gegen unser Gleichgewicht geht. Nur dann entsteht körperlicher Schmerz am Bewegungsapparat. Als eine solche soziale Kraft haben wir den Willen des Menschen beschrieben. Im Sinne des hier gesagten sehen wir jetzt, welcher Wille das konkret sein kann: z.B. der Wille unserer Eltern oder der Wille der Gesellschaft. In beiden Fällen ist dies aber ein Wille, der Unterordnung und Leistungsbereitschaft im Sinne der Gesellschaft verlangt.
Wenn Sie das bis hierhin gelesen haben, so fragen Sie sich einmal selbst, welche Eigenschaften sie auszeichnen. Sind sie besonders ehrgeizig? Sind sie eher ängstlich? Fühlen sie sich allein? Suchen Sie nach dieser sozialen Quelle Ihres Schmerzes. Es ist wichtig zu verstehen, warum wir bestimmte muskuläre Muster reproduzieren. Nur dann können wir daran arbeiten von diesen Mustern frei zu werden und d.h. letztlich auch ein Stück weit von den Konditionierungen frei zu werden, die diese Muster einmal bedingt haben.
Wenn wir schmerzfrei sein wollen, müssen wir die gesellschaftliche „Grammatik“ erkennen, der wir folgen. Mit Grammatik meine ich den Tiefenzusammenhang von bestimmten Bedeutungen mit denen wir operieren. Unsere Eltern, unsere Lehrer, unsere Chefs auf der Arbeit, aber auch unsere Freundschafts-Cliquen und unsere Partner in Beziehungen steuern uns in unserem Verhalten über solche Grammatiken. Sie erzählen uns implizit: „Du bist für uns da, nicht für Dich.“ „Deine Freude soll sich aus unserer Freude ergeben.“ „Strenge Dich an um zu uns zu gehören.“ „Verdiene Dir unseren Respekt.“ „Leiste etwas im Leben.“
Diese Grammatiken reichen bis in den Sportunterricht oder die Musikschule, wo wir uns ordentlich anstrengen um etwas zu erreichen und wo Muskelkater oder wundgespielte Finger anzeigen, dass wir es uns nicht zu leicht machen.
Warum machen wir es uns nicht leicht? Weil wir nur so, nur mit schwerer Arbeit, glauben uns Anerkennung als Erwachsener verdienen zu können. Weil wir tüchtig sein wollen. Denn nur so klatschen Eltern, Lehrer, Freunde, Chefs.
Das ist die dominante gesellschaftliche Grammatik der Leistung. Hohlkreuz, zurückgezogene Schultern und Rundrücken sind ihre körperlichen Zeichen.
„Die Hölle, das sind die Anderen“, wie Sartre sagte.