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Zusammenfassung

Zusammenfassung: Was es jetzt zu tun gilt
 
 
Schmerzen = Muskuläres Ungleichgewicht
Ich habe versucht in dieser theoretischen Einführung darauf hin zu arbeiten, dass Sie erkennen, dass Schmerzen am Bewegungsapparat – im Sinne unserer körperlichen Selbstbeschreibung - ein Effekt von muskulären Ungleichgewichten sind. Ein muskuläres Ungleichgewicht können wir dabei am simplen Beispiel von Agonist und Antagonist, bzw. Spielmuskel und Gegenspielmuskel erklären: Normalerweise gibt der gegenspielende Muskel ebenso weit nach, wie es der Spielmuskel für seine Aktivität braucht. Im Ruhezustand ist die Summe ihrer Kraft also in Bezug der beiden Muskeln aufeinander 0. Das ist das Gleichgewicht zwischen beiden. Wenn aber nun z.B. der Spielmuskel auch nach Ausführung seiner eigentlichen Aktivität nicht mehr voll entspannt oder umgekehrt der Gegenspielmuskel z.B. durch Fehlhaltung verkürzt ist und nicht mehr entsprechend der Aktivität des Spielmuskels nachgeben kann, dann kommt es zu einem muskulären Ungleichgewicht zwischen diesen zwei Muskeln. Ein bestimmter Muskel interagiert nun aber nicht nur mit einem anderen Muskel, sondern mit einer Vielzahl von Muskeln gleichzeitig. In einem gewissen Sinne interagiert er sogar mit allen Muskeln im System gleichzeitig. Stellen Sie sich eine Kugel vor. Die Verschiebung eines Punktes auf der Kugel verändert sofort die Lage ALLER Punkte auf der Kugel (s. Abbildung). Wenn das nun auch für unsere Muskeln gilt, können Sie sich vorstellen, wie leicht sich ein muskuläres Ungleichgewicht von einem Areal des Systems auf das ganze System ausbreitet.
Sie mögen sagen, „schön und gut, aber was ist mit einem Bandscheibenvorfall? Hier habe ich doch Schmerzen, die nichts mit der Aktivität von Muskeln zu tun haben!“ Nun, erinnern Sie sich: Knochen bewegen sich nicht von selbst. Sie verändern Ihre Position nur, wenn wir in Bewegung, in einer Handlung an ihnen „ziehen“ und das geschieht durch die Arbeit der Muskeln. Auch in der Ruheposition nehmen unsere Knochen eine bestimmte Lage im Körper nur ein, wenn wir unser gesamtes System in einer bestimmten Position zur Schwerkraft ausrichten, was wiederum durch die Arbeit der Muskeln geschieht. Wenn Sie als einen Bandscheibenvorfall haben, dann entweder deshalb, weil Sie wiederholt Bewegungen gemacht haben, die zum Vorfall der Bandscheibe geführt haben oder sich immer wieder in Ruhepositionen fixiert haben, die sich auf Dauer ungünstig auf Ihre Wirbelsäule und damit die die Lage Ihrer Bandscheiben ausgewirkt haben. Ihr Verhalten bewirkt also den Bandscheibenvorfall. Ihr Verhalten arbeitet aber mit Ihrem Körper über das an- und entspannen von Muskeln.
 
Unser Verhalten besteht zum Großteil aus Gewohnheiten
Wenn also alle Schmerzen am Bewegungsapparat ihren Ausgangspunkt in muskulären Ungleichgewichten haben dann ist klar, was es zu tun gilt: Wir müssen muskuläres Gleichgewicht herstellen um wieder schmerzfrei zu sein. Kling einfach, nicht? Wie wir allerdings schon gesehen hatten, haben muskuläre Ungleichgewichte Ursachen, die recht komplex sein können. An vorderster Stelle steht unser eigenes Verhalten, das was wir tagtäglich mit unserem Körper tun. Verhalten wir uns ungünstig, kommt es zu muskulären Ungleichgewichten, verhalten wir uns günstiger, dann können wir diese vermeiden. Günstiges Verhalten wäre also ein Verhalten, dass unseren Körper in seinem natürlichen Gleichgewicht in Bezug auf die Schwerkraft belässt. Klingt wieder einfach: wir müssen uns also nur im Gleichgewicht mir der Erde positionieren, bzw. bewegen, nichts einfacher als das. Leider ist der Anteil unseres Verhaltens, den wir bewusst steuern nur die Spitze eines Eisberges, der im Wesentlichen aus Gewohnheiten besteht. Bewusst ist uns zumeist WAS wir machen, z.B. nach einem Glas greifen. Im Nebel liegt uns im Moment einer Handlung aber oft, WIE wir etwas machen. Das hat verschiedene Gründe, einige hatten wir angeführt. Z.B. hatten wir gesagt, dass es Lücken in unserem Selbstbild gibt. Die Bewegung des Arms beim Greifen nach einem Glas mag uns noch sehr klar sein, was dabei der Rumpf an Bewegungen tätigt, ist für uns oft eher nicht zu sehen. Ein anderer Grund sind Konditionierungen, die wir in frühester Kindheit erfahren haben und die wir seitdem nie wieder hinterfragt haben. Ein Beispiel war das Nach-hinten-fallen beim Sitzen, eine kulturelle Angewohnheit, ja Krankheit, wenn man so will. Bevor wir also unseren Körper in seinen Bewegungen in Bezug auf die Schwerkraft ausbalancieren können, müssen wir erst mal lernen, was und wie die Elemente unseres Körpers an einer Bewegung beteiligt sind. Das ist die Arbeit an unserer Bewusstheit, die z.B. die Feldenkrais-Methode verfolgt.
 
Distanz zu den Willen und Wünschen, die sich an uns richten
Unsere Konditionierungen haben aber auch soziale Ursachen. Muskuläre Ungleichgewichte entstehen dann, so hatten wir gesagt, wenn wir uns mit unseren Gedanken in einem unausgewogenen Bezug auf uns selbst oder in Ungleichgewicht mit unserer Außenwelt befinden. So etwas passiert, wenn wir bestimmte Wünsche an uns überbetonen, wenn wir einem Willen in Bezug auf uns nachgeben, der eigentlich nicht zu uns passt. Ein solcher Willen kann von uns selbst ausgehen, z.B. der Wille über die Maßen beruflichen Erfolg zu haben, oder er kann von anderen ausgehen, z.B. der Wille unserer Eltern, dass wir über die Maßen beruflichen Erfolg haben sollen. In den meisten Fällen – wie in diesem Beispiel - aber folgt unser unpassender Wille einem unpassenden Willen oder Wunsch Anderer in Bezug auf uns. Wie dem auch sei, ein solcher Wille mündet in Handlungen, die das ganze System belasten. Nichts hat mehr einen Wert, wenn es nicht in Richtung dieses einen Willens marschiert. Wir sind völlig fokussiert. So können wir zwar große Erfolge erreichen, ob bei Arbeit oder Sport, der Preis aber dieser Fokussierung ist groß, er manifestiert sich in Schmerzen, den unser System verzeiht es uns auf Dauer nicht, wenn wir alle Elemente in ihm nach einem einzigen Element ausrichten. Wenn wir also schmerzfrei sein wollen, müssen wir lernen souverän mit unseren Wünschen und den Wünschen Anderer an uns umzugehen. Wir müssen diese Wünsche erkennen und über sie reflektieren lernen. Wir brauchen eine Distanz zum Sog der Ereignisse, der oft über äußeren Druck auf uns einwirkt. Diese Distanz aber ist ein Vehikel der Freiheit, denn sie macht es möglich, dass wir uns kritisch zu unserem eigenen Willen und dem Willen Anderer positionieren. Wir gewinnen über diese Distanz die Zeit, die es braucht um uns über die Konsequenzen unseres Handelns bewusst zu werden. Nur das Nachdenken über die Konsequenzen einer Handlung aber macht es möglich, dass wir uns ungezwungen entscheiden können, dass wir also wirklich frei handeln können.
 
Sich ein Stück weit ins Chaos begeben
Sie sehen, schmerzfrei zu werden ist gar nicht so leicht: Wir müssen unser Verhalten ändern und d.h. nichts weniger als uns selbst zu verändern. Zwischen uns und dieser Veränderung stehen aber unsere Gewohnheiten, die uns zum einen oft unbewusst sind und die sich für uns meist sehr angenehm anfühlen. Wir sind in einem gewissen Sinne in unserer Identität die Summe unserer Gewohnheiten. Wenn wir diese nun aufgeben sollen, dann müssen wir bereit sein uns selbst, wie wir uns heute sehen, unsere derzeitige Identität aufzugeben. Nur aus dem Chaos kein ein Stern geboren werden, wie Nietzsche sagte. Ein stückweit müssen wir uns also an den Rand des Chaos bewegen um allererst fähig zu sein alte Gewohnheiten zu verlassen und neue Gewohnheiten anzunehmen. Und jetzt bin ich hart zu Ihnen, denn ich behaupte: 80% von Ihnen, die dieses Buch bis hierhin gelesen haben, werden am Versuch ihre Schmerzen völlig zu beheben scheitern, weil sie nicht bereit sein werden, ihre Identität wirklich in Frage zu stellen und weil sie ihre schmerzauslösenden Gewohnheiten deswegen nicht überwinden werden können. Aber – und das sei Ihnen ein Trost – Sie werden trotzdem von der Arbeit mit den Techniken in diesem Buch profitieren können, denn Veränderung ist nicht absolut, nicht nur im Großen möglich. Sie können kleine Dinge lernen und verändern, die manchmal überraschende und große Effekte haben werden. Und wenn es Ihnen – und auch mir – wahrscheinlich nie gelingen wird, wirklich mit uns und den Mustern , die unser Verhalten bestimmen, zu brechen, so werden Sie doch einen Zustand erreichen können, der Ihnen lebenswert erscheint. Dann haben Sie zwar ggf. noch zu einem Teil Schmerzen, aber sie akzeptieren diese Schmerzen als  den Preis, den Sie dafür zahlen Sie selbst im Sinne einer Identität, die Ihnen lieb ist zu sein. Und das ist ab einem bestimmten Punkt von Bewusstheit auch ein Akt von freier Entscheidung.
 
Keine Überforderung! – Die Regeln von Veränderung
Überhaupt müssen wir uns bei der Arbeit in Richtung Schmerzfreiheit vor einem schützen: Der Überforderung von uns selbst. Wenn wir mit zu hohen Ansprüchen starten, wenn wir meinen, nur in einer gänzlichen Umprogrammierung unseres Selbst läge das Glück, wenn wir Heilung im Wochentempo erwarten oder Rückschläge als Zeichen dafür ansehen, dass wir prinzipiell auf dem falschen Weg sind, dann fokussieren wir uns erneut in Richtung nur eines Willens, nämlich des Willens schmerzfrei zu sein und dann werden wir wie bei aller Fokussierung zuvor auch jetzt wieder nur eines bewirken, nämlich neue Schmerzen.
Bedenken Sie immer die Regeln von Veränderung:
·         Sie geschieht allmählich.
·         Wenn Sie eintritt, sind wir oft bewusst nicht dabei, d.h. sie erschließt sich uns erst aus der Rückschau bewusst.
·         Was wir neu gefunden haben, werden wir oft verlieren, bevor es bleibt, bevor es ein Können von uns, eine neue bessere Gewohnheit geworden ist.
Nur wenn wir mit einem gewissen Gleichmut an die Arbeit gehen, werden wir nach und nach ihre Früchte ernten können. Vergessen Sie nicht was das Ziel ist: Nicht Schmerzfreiheit, sondern Leichtigkeit, als Bedingung einer positiven Erfahrung unserer menschlichen Freiheit. Der Zweck muss aber in seine Mittel zurückkehren. Wenn Leichtigkeit unser Ziel ist, dann müssen wir leicht ans Werk gehen und nach und nach dem Ziel entgegen gehen.
Was es deshalb zu tun gilt: Durchbrechen Sie unsere gesellschaftsgesteuerte Leistungsgrammatik. Lernen Sie die Dinge leicht und ohne Anstrengung zu tun. Führen Sie Handlungen weniger, langsamer und kürzer aus, anstatt Sport oder Krafttraining zu betreiben. Suchen Sie nach der Möglichkeit Dinge leichter zu tun auf allen Ebenen Ihres Seins. Chronische Schmerzen sind ein Syndrom, sie habe nicht eine, sie haben viele Ursachen, die sich miteinander in einem Teufelskreislauf oder besser Teufelsgeflecht bewegen. Aus einem solchen Geflecht steigt man am besten aus, indem man nicht nur an einem  seiner Elemente arbeitet, sondern möglichst an allen gleichzeitig, an jedem jeden Tag ein bisschen.
Um Ihnen dabei zu helfen und das zu ermöglichen, stelle ich ihnen im folgenden Praxisteil Module vor, die auf die wesentlichen Elemente des chronischen Schmerzsyndroms am Bewegungsapparat eingehen. Auf diese Weise können Sie sich ganzheitlich selbst behandeln lernen.